Matilda lebte zusammen mit ihrer Familie in einem Township, einem Vorstadtviertel von Soweto in Afrika.

Matilda hatte zwar eine dunkle Hautfarbe, aber sie war nicht wirklich schokoladenbraun. Sie sah so aus, als hätte sie einen samtigen, haselnussfarbenen Puderzuckermantel an.

Matilda mochte keine Schuhe und wenn überhaupt, trug sie nur ganz flache Ledersandalen mit einem geflochtenen Riemchen.

Sie hatte leuchtend dunkle Augen und wenn sie lachte, funkelten diese, wie kleine Sterne. Ihr Haar war sehr gekräuselt und ihre kringeligen Haarspitzen verzierten ihr rundes Gesicht.

Matilda war ein besonderes Mädchen, so sagten die Leute, doch keiner wusste so recht, was anders an ihr war.

Matilda hatte noch vier Geschwister, zwei jüngere Schwestern und noch zwei ältere Brüder.

Viel Geld hatten sie alle nicht zum Leben. Ihre Blechhütte war sehr einfach eingerichtet. Dort gab es einen großen Holztisch, ein paar Stühle und als Schlaflager für jeden einen eigenen Teppich. Matilda und ihre Familie schliefen, so wie es viele Menschen im südlichen Afrika tun, auf dem Boden. Jedes Familienmitglied hatte seinen eigenen Teppich. Der Vater und die Mutter hatten beide einen roten Teppich, die beiden Brüder jeweils einen blauen Teppich. Die beiden kleinen Schwestern hatten unterschiedliche Teppiche, die eine einen grünen und die andere einen rosa Teppich. Matildas Teppich war gelb, geradeso wie das Sonnenlicht Afrikas.

Es gab nicht so viele Mahlzeiten, wie bei uns, in unserer westlichen Welt. Nur einmal am Tag gab es eine Mahlzeit. Immer abends, wenn die ganze Familie in der Hütte zusammen war.

Die Mutter kochte in einem riesigen Kupfertopf vor der Hütte, auf einer kleinen, offenen Feuerstelle. Der Topf war zwar sehr groß, doch gut gefüllt war er nie. Trauriger noch war, dass es nicht immer für alle reichte.

Aber für Matilda war es nicht so schlimm wenig abzubekommen. Sie brauchte nur das Gefühl, ein wenig aus dem großen Topf probiert zu haben. Matilda konnte sich selber nähren und in ihrer Fantasie fand sie genug Nahrung, um ein wohliges Gefühl des SATTSEINS zu empfinden. Matilda hatte vor einigen Jahren, auf einem ihrer Ausflüge rund um das Township, eine handflächengroße Glasscherbe gefunden. Das besondere dieser Scherbe war es, dass sie keine scharfen Kanten hatte, so dass sie sich hätte schneiden können. Diese Glasscherbe war wie ein kleiner Spiegel. So hatte sie diese auch entdeckt, die Scherbe blitzte unter einen Salzbusch hervor und Matilda konnte sich das erste Mal selber sehen.

Zuerst dachte sie, als sie in die Scherbe schaute, ein fremdes Mädchen würde ihr gegenüberstehen.
Doch mit der Zeit, je öfter sie in die Glasscherbe schaute, erkannte sie ein wenig von sich selbst. Sie entdeckte ihre strahlenden Augen, ihre kringeligen Locken, ihre wohlgeformten Lippen…
Sie sah auch ein paar Löcher in ihrem Kleidchen, doch diese störten sie nicht und waren ihr nicht wichtig.

Matilda hatte ihr ganz eigenes kleines Geheimnis gefunden, den Zauber der Glasscherbe. Wenn sie also am Abend, nach dem Abendessen mit der Familie schlafen ging, der Mond durch die Bretter der Holzhütte schien und die Sternlein leuchteten, begann ihre Zeit. Sie nahm die kleine Glasscherbe in ihre Händchen und weil sie noch ein wenig träumen wollte, geschah es wie von Geisterhand, dass vor ihrem inneren Augen wunderbare Dinge auftauchten.
Wie in einem kleinen Spiegel konnte sie alles sehen, was auch immer sie sich wünschte.

Mal lief sie auf einem moosigen Waldboden mit ihren nackten Füssen, mal sah sie Käferlein und Schmetterlinge auf einer Blumenwiese, dann das Meer mit großen, weißen Segelbooten oder auch einen Zauberwald mit lustigen Fabelwesen.
Doch ihre Lieblingsgeschichte handelte vom kleinen Regentropfen, der der einzige war, der auch zaubern konnte, wenn er in eine Pfütze tropfte und große Ringe um sich herum zog.

Jeder einzelne Ring der sich um den Tropfen bildete, hatte eine andere Farbe und schließlich schlossen sie sich alle zusammen und spiegelten am Himmel einen großen Regenbogen, der für alle Menschen zu sehen war und der dann im Universum verschwand. So konnte Matilda immer wieder neue Kraft schöpfen. Sie hatte für sich selbst die richtige Art und Weise gefunden glücklich zu sein.

Das was sie hatte, war mehr wert, als alles Gold dieser Welt. Sie wünschte aufrichtig allen Menschen dieser Erde, dass auch sie spüren können, was es bedeutet trotz nur einer HAND VOLL REIS am Tag glücklich und voller Lebensfreude zu sein. Denn, so wie in jedem Reiskorn, ist auch in jedem von uns der kleine Samen, sich die Welt so zu erschaffen, wie wir es uns wünschen.

(Claudia Lichtenthäler, 24.März 2012)